von Mensch zu Mensch

Lasst uns übers Sterben sprechen.

Tisch mit vier Stühlen

"Was braucht es, um ein guter Bestatter zu werden?"
Diese Frage stellte mir vor 16 Jahren eine Bestatterin, die auf 35 Jahre Berufserfahrung blicken konnte.

Ich war neu in diesem Beruf, der für mich eine Berufung darstellt. Hatte 1000 Ideen. Tatendrang. Ehrgeiz. Die Wörter sprudelten nur so aus meinem Mund.
Zum Ende meines Vortrages erntete ich ein Lächeln.

"Habe ich etwas vergessen?" fragte ich, unsicher geworden.
"Nein, nein sagte sie - nur - viel zu viel !"
Was braucht es? Es braucht einen Tisch, vier Stühle, ein Blatt Papier, einen Bleistift. Und Erfahrung, Liebe, Hingabe, Einfühlung.

Starke und mutige Worte.

Eine Begebenheit.
Im Frühjahr diesen Jahres winken mir unsere neuen Nachbarn aufgeregt zu und bitten mich um Hilfe.
„Sie sind doch Bestatter! Unsere Mutter ist tot! Was müssen wir jetzt tun?“

Im T-Shirt und ohne Arbeitstasche begleite ich die beiden zu ihrem Haus.
Die alte Dame ist zu Besuch gewesen, hat sich nach dem Essen zu Ruhe begeben und stirbt. Einfach so.
Der Hausarzt stellt den Totenschein aus. Wir bahren die Frau gemeinsam auf, legen ihr Gartenblümchen in die Hände, zünden eine Kerze an und rufen den Pfarrer. Ich habe die Erde aus meinem Rosenbeet noch an den Händen.

Und nun sitze ich dort an jenem Tisch mit vier Stühlen. Treffe auf Menschen, die meine Hilfe brauchen. Meine Erfahrung.
Meine Einfühlung. Meine Liebe zum Leben.

Wir finden einander. Organisieren und planen, sprechen über Wünsche und ihre Umsetzung.
Mein Blatt Papier füllt sich.

Wir sind dort, wohin uns Leben und Tod führen: Beim Echten, beim Notwendigen. Beim Gespräch am Tisch von Mensch zu Mensch.